Neue Transitrouten pflügen Georgien um

Strassen, Schienen, Häfen – die Projekte für neue oder ausgebaute Transportrouten von Asien nach Europa türmen sich. Mittendrin: die Länder Zentralasiens und des Südkaukasus. Sie positionieren sich als Drehscheiben für den Warenverkehr. Doch was heisst das für die lokale Bevölkerung? Ein Augenschein auf Georgiens West-Ost-Achse.


Baustelle am Rikoti-Pass, Georgien

Es geht voran! Regelmässig, teils täglich, dokumentiert das georgische Amt für Strassen  auf seiner Website , wie die Bauarbeiten an den verschiedenen Grossbaustellen verlaufen, die das Land durchziehen.

Aus der Dokumentation des georgischen Amts für Strassen: Baustellen auf der West-Ost-Achse Tbilisi-Bakurtsikhe-Lagodekhi, auch Kakheti-Highway genannt.

Sie alle sind Teil mehrerer gigantischer Vorhaben, Zentralasien und den Südkaukasus zu einer attraktiven Transportroute zwischen Ost und West zu machen. Denn im 21. Jahrhundert haben nicht nur die Handelsströme zwischen Asien und Europa massiv zugenommen, auch die geopolitischen Interessen sind stark in Bewegung geraten.

Ausbau der Infrastrukturen zuhauf

Davon zeugen die wichtigsten Initiativen, die die Entwicklungs-Visionen beflügeln:

1993 eröffnete die EU den Reigen zusammen mit zunächst acht, heute 13 Mitglieds- bzw. Transitländern, indem sie das Programm  TRACECA  lancierten. Das Ziel: einen Transport- und Handelskorridor Europa-Kaukasus-Asien einzurichten.

2013 schloss China mit seinem Plan einer «neuen Seidenstrasse», auch Belt and Road Initiative (BRI) genannt, auf. Mit ihr soll ein wirtschaftlicher Wachstumsmotor für Asien, Europa und Afrika entstehen. Im Bereich Verkehr wird dabei nicht eine, sondern ein ganzes Bündel an Achsen zu Land und zu Meer realisiert, darunter der «Mittlere Korridor». Dieser führt auf der Schiene und per Schiff unter dem Namen  Trans-Caspian International Transport Route (TITR)  von China über Zentralasien, das Kaspische Meer und den Südkaukasus in die Türkei und nach Europa.

2018 folgte der «Lapislazuli-Korridor», eine multimodale Transitroute, die Afghanistan via Turkmenistan, Aserbaidschan und Georgien mit der Türkei verbindet.

Parallel zu alldem wurden und werden zahlreiche weitere Strassenprojekte vorangetrieben – etwa durch das  Investitionsprogramm CAREC  der Asiatischen Entwicklungsbank.

Und schliesslich wartete erneut die EU mit der «EU-Asien-Konnektvitätsstrategie» auf, der Basis für die 2021 von ihr lancierte Global Gateway Initiative – ein mit westlichen Werten unterfüttertes,  geopolitisches Vernetzungsprogramm  als Antwort auf Chinas BRI.

«Brückenbauer» trotz Territorialkonflikten

In diesem komplexen Setting sieht sich Georgien – parallel zur Türkei, Aserbaidschan und zentralasiatischen Staaten – als zentrale Logistik-Drehscheibe.

Zwar kämpft der Südkaukasus insgesamt mit ungelösten bzw. schwelenden Territorialkonflikten, in denen Moskau mitmischt – vor allem im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach sowie in den Fällen von Südossetien und Abchasien, die sich in heftigen (internen) Konflikten und unterstützt vom Kreml gewaltsam von Georgien abgespaltet haben.  

Trotzdem oder gerade deshalb erhält das Narrativ international Auftrieb, der Austausch von Waren könne dazu beitragen, die Spannungen abzubauen und die Entwicklung der beteiligten Länder zu fördern.


Baustelle am Rikoti-Pass, Georgien

Seit Putin Krieg gegen die Ukraine führt, hat Georgiens Position als «Brückenbauer» und «Tor zu Ost und West» stark an Bedeutung gewonnen: Vor allem auf dem Landweg sind alternative Transitrouten zum «Nordkorridor», unter Umgehung Russlands, gefragter denn je.

Gestützt auf Zahlen des TITR  vermeldeten  etwa die Aussenwirtschaftsagentur Deutschlands, Germany Trade & Invest, sowie verschiedene  Online-Portale  vor einem Jahr, das Transportvolumen über den Mittleren Korridor habe sich im Zeitraum von 2021 und 2022 mehr als versechsfacht. Hier nicht eingerechnet: der Transport per LKWs, mit denen auf dem Landweg nach wie vor die Mehrheit der Güter befördert werden.

Milliardenschwere Investitionen

Obschon die Frachtkapazitäten über Zentralasien und den Südkaukasus nicht nur wegen Engpässen bei der Infrastruktur an Grenzen stossen, sind die beteiligten Länder daran, deren Mängel mit milliardenschweren Investitionen und unter Hochdruck aus dem Weg zu räumen.

Laut einer  Analyse der OECD  steckt allein Georgien rund 6,6 Mrd. USD in laufende und geplante Projekte zum Ausbau seiner Transportwege. Für Strassenprojekte wurden gemäss Daten des georgischen Finanzministeriums seit dem Jahr 2000 internationale Investitionskredite in der Höhe von insgesamt 3,5 Mrd. USD gesprochen – wovon, Stand Juni 2023 – 2,3 Mrd USD als externe öffentliche Schulden verbleiben. Besonders bemerkenswert: Die Strasseninfrastrukturprojekte machen 27 Prozent der gesamten öffentlichen Auslandsverschuldung Georgiens aus. Die Kredite dafür stammen hauptsächlich von europäischen und asiatischen Entwicklungsbanken, an denen die Schweiz zum Teil beteiligt ist.

Das vorläufige Resultat ist in Georgien gut sichtbar: Zwischen 2018 und 2024 realisierte, in Bau befindliche sowie geplante Strassenprojekte in der Länge von über 700 Kilometern queren die anspruchsvolle Topographie von Nord nach Süd, von West nach Ost.

Hier ein Beispiel der Projektierung und Umsetzung des Nord-Süd-Strassenkorridors Kvesheti-Kobi

Video des georgischen Strassenamts

Geopolitik und Wirtschaftsförderung

Neben der Absicht, sich auf die geopolitische Karte der Partner in Asien und Europa zu setzen, erhofft sich die Regierung Georgiens von den Mega-Infrastrukturprojekten (MIP) vor allem eines: Wirtschaftswachstum. Und das nicht allein mit dem Transitgeschäft. Vielmehr sollen die MIP auch als Booster für Exportwirtschaft, Tourismus und Ansiedlungen künftiger Produktionsstätten dienen.

Chinas Dominanz auf Georgiens Baustellen

Doch wer profitiert vom Strassenboom? Temur Gugushvili, ein in ländlicher Entwicklung und Entwicklung in Bergregionen spezialisierter Forscher an der Tbilisi State University und Gastwissenschaftler am Zentrum für Osteuropastudien an der Universität Zürich, hat im April 2023 die Investitionen in Georgiens Strassenbauprojekte untersucht, die im Zeitraum von 2018 bis 2024 begonnen haben oder bis dann fertiggestellt werden.

Er kommt zum Schluss: «Die beträchtlichen Investitionen in die Strasseninfrastruktur Georgiens werden überwiegend von chinesischen Staatsunternehmen ausgeführt. Ein kleinerer Teil wird an Unternehmen aus Nachbarländern wie der Türkei, Armenien und Aserbaidschan vergeben.»


Baustelle am Rikoti-Pass, Georgien

Auch georgische Unternehmen kommen gemäss Angaben der Regierung zum Zug – vor allem dann, wenn die Projekte vollständig von Georgiens Regierung getragen werden. Handelt es sich hingegen um eine georgische Beteiligung an internationalen Finanzierungen, fliesst das Geld in der Regel wieder an ausländische Unternehmen, meist aus China (genaue Daten mit Mouseover über die Grafik).

Herkunft der Investitionsdarlehen und Herkunft der ausführenden Unternehmen in Georgiens Strassenbau von 2018 – 2024 (Stand April 2023). Datenquelle: Amt für Strassen, Georgien. Grafik: Temur Gugushvili

Während China also den Löwenanteil der Strassenbauten umsetzt, sind EU-Firmen – Stand April 2023 – nur mit einem Projekt betraut. Diese chinesische Dominanz hat bei der EU prompt für Irritationen gesorgt.

In seinem « Bericht über die Umsetzung des Assoziierungsabkommens der EU mit Georgien » von November 2022 hebt das EU-Parlament etwa «die negativen Auswirkungen chinesischer Investitionen in strategische Infrastruktur auf die Sicherheit» hervor. Nicht ohne im gleichen Atemzug die EU-Kommission und Georgien aufzufordern, «eine Erhöhung der Zahl der Projekte des transeuropäischen Verkehrsnetzes in Georgien in Erwägung zu ziehen».

Verheissungen auf bessere Zukunft werden lokal nicht überall geteilt

Derweil Georgien seinen Platz unter den Ländern des Mittleren Korridors zu stärken sucht, stossen die MIP lokal nicht überall auf Anklang. So kam es etwa bei einem Eisenbahn-Tunnelbau am Surami-Pass schon 2014 zu Streiks der georgischen Arbeiter wegen der Arbeitsbedingungen eines chinesischen Unternehmens – festgehalten im Dokumentarfilm «A Tunnel» von Nino Orjonikidze und Vano Arsenishvili (siehe Trailer).

Allein: nicht jeder Protest geht auf Macht-Asymmetrien und kulturelle Unterschiede zwischen ausländischen Baufirmen und lokaler Bevölkerung zurück. Vielmehr scheinen sich mehrere Motive zu überlagern. Beim Ausbauprojekt des Nord-Süd-Strassenkorridors Kvesheti-Kobi an die russische Grenze kam es zum Beispiel im Khada-Tal jüngst zu Widerstandsbewegungen von NGOs und Betroffenen. Sie sehen darin eine Bedrohung für Umwelt, Landschaft und das reiche Kulturerbe.

Eines scheinen die verschiedenen Proteste gemein zu haben: die Befürchtungen, gewohnte Lebensweisen und Heimat zu verlieren – im Namen eines Fortschritts, der bessere Lebensbedingungen, Arbeitsplätze und Wohlstand verheisst. Der sich für die Betroffenen aber oft nicht materialisiert oder der, noch ungünstiger, neben ökologischen und sozialen Auswirkungen den Lebensunterhalt der Gemeinschaften im Umfeld von Baustellen auch nach der Fertigstellung der Projekte beeinträchtigt.

Sondierungsstudie an der West-Ost-Autobahn

Letzteres verdeutlicht der Ausbau der  Autobahn von Tbilisi über Bakurtsikhe nach Lagodekhi , auch Kakheti Highway genannt. Eine Strecke, die an die aserbaidschanische Grenze führt und Georgiens Hauptstadt mit Baku verbindet, den zentralen Umschlaghafen am Westufer des Kaspischen Meers (siehe unten gelber Abschnitt).

Auf georgischer Seite könnte sich der geplante Abschnitt auf die bestehenden Kleinstunternehmen und Strassenhändler*innen so auswirken, dass sie vom Verkehr abgeschnitten werden oder weniger Kundschaft haben, weil die neue Streckenführung die Pendler*innen an andere Orte lenkt.

Die Weltbank, die den Ausbau unterstützt, beteuert zwar,  sie werde einen Marktplatz entlang der Autobahn finanzieren , der insbesondere Frauen Arbeitsplätze garantieren soll.

Bleibt die Frage: Wie sehen das die Betroffenen?

Strasse wird allgemein befürwortet – aber…

Die beiden Wissenschaftler*innen Temur Gugushvili und Gvantsa Salukvadze von der Tbilisi State University haben dazu 2022 im Rahmen eines  umfassenderen CDE-Projekts zu MIP  verschiedene Interessengruppen befragt, darunter lokale Behörden, Bürger*innen-Initiativen, Kleinunternehmen sowie die Bevölkerung vor Ort.

«Die meisten Einwohner*innen und Gemeindevertreter*innen unterstützen zwar den Ausbau der Strasse, weil sie sich davon eine Entlastung des Strassenverkehrs und einfachere Verbindungen – vor allem nach Tbilisi – versprechen», sagen Gugushvili und Salukvadze zu den Untersuchungsergebnissen.

«Allerdings lässt sich nur schwer sagen, ob die Einheimischen tatsächlich vom Nutzen des Projekts überzeugt sind, oder ob sie sich davor fürchten, als Modernisierungs-Verhinderer zu gelten oder sich den von ‘oben’ gesteuerten Projekten zu widersetzen.» Denn viele Befürwortende gaben gleichzeitig an, sie hätten gar keine andere Wahl, weil sie denken: Die Strasse wird selbst dann gebaut, wenn wir dagegen sind.


Fleischhändler am Kakheti-Highway. Unten: Strassenhändler ebenda.

... lokale Interessen können nur schwer Schritt halten

Das spärliche Engagement der lokalen Bevölkerung und Gemeindebehörden ist das eine. Das andere: «Wir haben festgestellt, dass die Verantwortlichen für das Strassenprojekt nicht eng mit den Gemeindevertretern zusammenarbeiten», so Salukvadze.

Angesichts dessen sei es wenig überraschend, dass die zuständigen lokalen Behörden über die konkreten Baupläne nicht informiert waren. «Wenn überhaupt, wurden sie nur einbezogen, wenn es galt, eine öffentliche Versammlung einzuberufen oder um bei Problemen zwischen Anwohner*innen und dem Bauunternehmen zu vermitteln.»

Ein Vorgehen, das im untersuchten Gebiet fast zur Folge gehabt hätte, dass einige Bauern durch die neue Autobahn von ihren Feldern abgeschnitten worden wären. Als die Dorfbevölkerung dies kurz vor der Realisierung bemerkte, kam es zu einer  Kundgebung  – und Verhandlungen über die Pläne.

Die neue Strasse wird durch diese alte Mühle führen.

Beteiligung um der Beteiligung willen?

Tatsächlich sieht die georgische Gesetzgebung die Beteiligung der lokalen Gemeinschaften vor. Und tatsächlich werden auch öffentliche Versammlungen abgehalten und protokolliert. Aber das Misstrauen ist damit nicht aus der Welt geschafft. «Die betroffene Bevölkerung ist sich nicht oder nicht vollständig im Klaren darüber, was sie punkto Mitsprache bei MIP von den lokalen Behörden verlangen kann. Die Menschen kennen weder die entsprechenden Prozesse noch ihre Rechte», halten Gugushvili und Salukvadze in ihren Resultaten fest.

Schlimmer noch: «Sie rechnen nicht damit, sich gegen den 'Riesen’ durchsetzen zu können. Denn sie haben Zweifel, ob es überhaupt erwünscht ist, dass sie ihre Stimme erheben und Kritik äussern, und ob das am Ende etwas bringt.»

Selbst für diesen Fall gäbe es einen Beschwerdemechanismus, den  Grievance Redress Mechanism , der für MIP eingeführt wurde. Nur, bei der Befragung der Gemeindevertreter*innen stellte sich heraus, dass diese nicht ausreichend über dessen Existenz und Bedeutung informiert waren.

Alle Stakeholder involvieren

Die Pilotstudie zum West-Ost-Autobahnbauabschnitt Tbilisi-Bakurtsikhe-Lagodekhi deckt sich in weiten Teilen mit Erkenntnissen aus anderen MIP: «Eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung lässt sich nur erreichen, wenn von der Planungsphase bis zur Umsetzung alle wichtigen Interessengruppen transparent und ernsthaft einbezogen und ihre Standpunkte tatsächlich gehört werden», so Gugushvili und Salukvadze.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Begleitung könnten hier durch neue Lösungen und geeignete Strategien wesentlich zur Umsetzung der Politik beitragen.


Auch hier wird die neue Strasse durchführen: alte Limonaden-Manufaktur.

CREDITS

© Centre for Development and Environment (CDE), Universität Bern

Text and Produktion: Gaby Allheilig

Fotos: Temur Gugushvili und Gvantsa Salukvadze, mit Ausnahme der Bilder aus der offiziellen Dokumentation über die Baustellen (Amt für Strassen, Georgien)

Grafik: Die Datenanalyse der MIPs zwischen 2018-2024 wurde von Temur Gugushvili mit Unterstützung des Center for Eastern European Studies (CEES) der Universität Zürich durchgeführt

Kontakt: Lara Lundsgaard-Hansen (Projektleitung Schweiz) lara.lundsgaard[at]unibe.ch, Temur Gugushvili und Gvantsa Salukvadze (Georgien)

Karten: Paolo Feser

Die Karte der Korridore basiert auf:

Country Borders: Sandvik, Bjørn (2023). thematicmapping.org. [online] Thematicmapping.org. Available at:  https://thematicmapping.org/downloads/world_borders.php  [Accessed 10 Aug. 2023].

Lapis Lazuli Route: Silk Road Briefing (2022). Turkmenistan ‘Essential’ For Lapis Lazuli Corridor Connectivity: International Road Transport Union - Silk Road Briefing. [online] Silk Road Briefing. Available at:  https://www.silkroadbriefing.com/news/2022/08/21/turkmenistan-essential-for-lapis-lazuli-corridor-connectivity-international-road-transport-union/  [Accessed 10 Aug. 2023].

TITR: Middlecorridor.com. (2023). The Trans-Caspian International Transport Route starts from Southeast Asia and China, runs through Kazakhstan, the Caspian sea, Azerbaijan, Georgia and further to European countries. [online] Available at:  https://middlecorridor.com/en/route  [Accessed 10 Aug. 2023].

‌Northern Corridor: Roland Berger (2023). Die Korridore der Seidenstrasse. DVZ. [online] Available at:  https://www.dvz.de/rubriken/land/schiene/detail/news/wege-zwischen-sibirien-und-seeverkehr-gesucht.html 

Für die Karte Georgiens:

Kakethi Highway and furhter roads: based on Google Maps. For the Georgian borders: Large Scale International Boundaries (2023). U.S. Department of State, Office of the Geographer and Global Issues [online] Available at:  https://geonode.state.gov/layers/catalog:geonode:LSIB  [Accessed 10 Aug. 2023].

Die neue Strasse wird durch diese alte Mühle führen.