Auf der Suche nach der verlorenen Perspektive
Zwei Fotos, ein Weg, drei Akte.
Das Universum ist wahr für uns alle und sieht für jeden unterschiedlich aus.
Prolog: Analog...
...ist besser! Zumindest war dies lange Zeit meine Überzeugung hinsichtlich Fotografie. Während die graduelle Imperfektion analoger Technologie die Imperfektion der Welt verhüllt, enthüllt digitale Technologie in ihrer binären Perfektion (Nullen und Einsen, „high definition“) schonungslos die ganze Imperfektion der Welt (die Hegenomie kalt- und neutralweißer LEDs tut ihr übriges, die Welt in ein unsanfteres Licht zu tauchen). Die Unvollkommenheit analoger Fotos wirkte wärmer, gemütlicher, idyllischer, – kurzum, authentischer – als die Sterilität digitaler Fotografie.
Digital ist vielleicht doch besser? Digitale Technologie kann die Zeichen analoger Technologie nachahmen, während dies umgekehrt unmöglich ist.
Auch wenn ich mich inzwischen von dem Glauben an eine naturalistische Authentizität ("Aura" im Sinne Walter Benjamins) und der Ansicht, alle digitalen Nachahmungsversuche seien Häresie, mehr als gelöst habe, so gefällt mir die Ästhetik dennoch nach wie vor (Handyapps können inzwischen die Ästhetik von Filmfotografie überzeugend simulieren - siehe das Foto rechts, das ich mit einer solchen App aufgenommen habe). Deshalb war ich besonders erfreut über die Fotos des Campus aus den 1970er und 1980er Jahren. Meine Idee war nun, eine möglichst exakte (digitale) Neuaufnahme meiner zwei Lieblingsbilder von derselben Stelle zu machen, womit ich das "in-der-Zeit-sein" des Campus einfangen möchte. Für diese Neuaufnahmen muss ich natürlich die richtige Stelle suchen; diesen Weg dokumentiere ich hier.
1. Akt: Unwegsamkeiten
Abb. 1: Unisee (1979)
Als ich dieses Bild sah, ist mir zum eigentlich ersten Mal der Konstruktionscharakter des Campus bewusst geworden. Natürlich wusste ich, dass der Campus in den 1970er Jahren neu erbaut wurde, aber ich habe nie sonderlich viel darüber nachgedacht, und das, obwohl ich zwei Jahre lang Campusführungen gegeben habe. Womöglich habe ich noch nie darüber nachgedacht, weil ich noch nie Fotos aus dieser Anfangszeit gesehen habe. Das Foto hat eine Frage beantwortet, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie stellte (Roland Barthes: „Die Geschichte […] nimmt erst Gestalt an, wenn man sie betrachtet“ [1] ) Die Kargheit des Campus bzgl. Bäume und Pflanzen sticht hier besonders in Auge - und, dass dieselben Bänke und Mülleimer bis heute dort stehen.
Ich mache mich aus der Zentralbibliothek, in der ich sitze, da sie eines der wenigen Gebäude der Universität mit (funktionierender) Klimaanlage ist, auf den Weg in den 4. Stock. Als ich die Fenster auskundschafte, gehe ich an einer dort sitzenden Person vorbei, die ich nun wirklich nicht hätte sehen müssen. Von allen Personen, die ich kenne, musste es ausgerechnet diese eine Person sein, die, hätte ich ein Ranking erstellt, wen ich dort auf keinen Fall sehen wollen würde, auf den vordersten Plätzen gelandet wäre. Nach einem kurzen Augenkontakt und einem kargen Wortwechsel ergreife ich fluchtartig die Flucht. Diese Begegnung, sie wird mich noch tagelang beschäftigen.
Ein erstes großes Hindernis tat sich also auf. Genau dies macht das Gehen so besonders – diese Kontigenz, die Unberechenbarkeit der Situationen, denen man sich ausliefert. Das Gehen war für mich in dieser Situation sowohl das „Übel“ – sonst wäre ich der Person nicht begegnet – als auch die Rettung, denn das Gehen war das Mittel zur Flucht. Durch das Gehen konnte ich allein bestimmen, wie lange ich dort verweile. Wäre ich gesessen und die Person im Gehen gewesen, wäre es für mich wesentlich schwieriger gewesen, der Situation zu entkommen; das Momentum (die „Bewegungshoheit“) der Situation wäre nicht auf meiner Seite gelegen.
Gang von der Zentralbibliothek (1) in den 4. Stock (2), von dort in die Teilbibliothek Geisteswissenschaften (3)
Da auch sonst keine der verbleibenden Fenster in eine ähnliche Richtung zeigte, war mein nächster Gedanke, dass es in der Teilbilbiothek Geisteswissenschaften selbst sein könnte. Nach einem kurzen Gang durch den 4. Stock der Bibliothek meine ich tatsächlich, das richtige Fenster zu entdecken. Als ich in den Gruppenraum eintrete, werde ich von einem darin sitzenden älteren Herren äußert griesgrämig beäugt. Ich mache das Fenster auf, um mir einen Blick zu verschaffen und sehe, dass dies wohl tatsächlich der Aufnahmeort war. Der Herr, sichtlich entnervt, fährt mich in unverhältnismäßig schroffem Ton an, dass ich ihn hier "verdammt nochmal" (O-Ton) nicht stören solle.
Schon wieder hat mich das Gehen in die Bredouille gebracht! Mir ist in diesem Moment aber das Foto wichtiger; dieses Mal bleibe ich komplett ruhig, sage kein Wort, stelle keinen Augenkontakt her und mache in Seelenruhe ungefähr zehn Fotos, wobei der Herr immer noch entnervt seufzt und mich ansieht, als würde ich Fotos von ihm machen. Ich verlasse den Raum zwar mit einem gewissen Herzrasen (wie in der Situation zuvor), doch ebenso mit einem leicht verschmitzten Lächeln ob meiner für mich selbst überraschenden Nonchalance und Standhaftigkeit (und weil es immer eine gewisse Komik hat, wenn sich Männer über 60 aufregen). Hier der Vergleich der Stelle von damals und heute:
1979 | 2024
Ich bin mit dem Foto sehr zufrieden, auch wenn es nicht zu 100% dieselbe Perspektive ist. Der Kontrast nach 45 Jahren ist doch beachtlich; natürlich spielt auch die Jahreszeit eine Rolle, aber im Foto von heute fällt der Konstruktionscharakter des Campus kaum noch auf; alles wirkt sehr "natürlich", als sei alles schon immer da gewesen, während im Foto aus 1979 doch auffällt, wie sehr der Campus am Reißbrett geplant wurde.
Der Weg zu der Neuaufnahme war allerdings vertrackt: zwei äußerst unangenehme Situation innerhalb von wenigen Minuten, wobei ich zumindest letztere Situation besser gemeistert habe. Zweimal brachte mich das Gehen in Bedrängnis, und zweimal "rettete" mich das Gehen wiederum.
Ich verlasse den Raum. Die Suche nach dem nächsten Foto beginnt.
2. Akt: "O meine Freund*innen"
Abb. 2: Uniteich (1983)
Dies ist definitiv mein Lieblingsbild. Die Tranquillität, die der Uniteich hier ausstrahlt, in Kombination mit der analogen Ästhetik, ist beachtlich. Vier Jahre später wirkt der Campus hier schon deutlich "natürlicher" und stimmiger. Ich kann die frische Luft dieses Morgens eines, wie ich später erfahren werde, Septembertages im Jahre 1983 förmlich durch das Bild spüren - auf den Monat genau 41 Jahre später, im September 2024.
Erneut wandere ich relativ planlos durch die Gebäude, denn meine Vermutung, dass das Bild aus dem Übergang zwischen Zentralbilbiothek und der Teilbibliothek Geisteswissenschaften aufgenommen wurde, entpuppt sich als falsch. Also sehe ich mir die Sache von außen an und verlasse das Gebäude. Zunächst nehme ich aber einen kleinen Umweg und gehe einmal um den Unisee, um mich wieder zu fokussieren.
Auf meinem Mikro-Spaziergang bemerke ich eine eigentümliche Veränderung meiner Wahrnehmung: Ich kann dank den alten Fotos die Zeitlichkeit des Campus wie eine Art augmented reality vor mir sehen und fühle die "abwesende Präsenz" von Generationen von Studierenden, die vor mir ihre Wege auf diesem Campus gingen. Durch die historischen Dokumente (in meinem Falle Fotos) ändert sich meine Raumwahrnehmung, und diese veränderte Wahrnehmung ist irreversibel. Ich werde nie zu dem Raum zurückkehren können, wie er für mich beschaffen war, bevor ich die Fotos sah (dies gilt umgekehrt übrigens ebenfalls - auch die alten Fotos nehme ich jetzt anders wahr als beim erstmaligen Ansehen). Das Wissen transformiert den Raum und meine Sinne, und dies für immer und unwiederbringlich. Das Gehen erlaubt es, sich dieser Transformation gewissermaßen in Echtzeit zu versichern - und natürlich transformiert sich der Raum, mein Raum, wiederum im Gehen. Die Geschichte nahm also Gestalt an, indem ich sie betrachtete.
Von weitem sehe ich zwei gute Freunde, die ich bereits seit dem ersten Semester kenne, vor der "Alten Cafeteria" sitzen und gehe auf sie zu. Anstatt, wie zuvor, einer zufälligen, unerwünschten Begegnung zu entkommen, benutze ich das Gehen jetzt, um eine gewünschte Begegnung aktiv zu forcieren. Ungefähr 20 Meter entfernt sehen sie mich auch und wir lächeln uns kurz an. Ich komme zu ihnen an den Tisch, wir begrüßen uns und sofort kommt die Frage auf, weshalb ich mit zusammengetackerten Fotos in der Hand hier herumirre. Sie scheinen von meiner Mission angetan zu sein und raten munter mit. Wilde Spekulationen ergeben sich: Wurde das Foto mit einer Drohne aufgenommen (und gab es soetwas in den 80ern überhaupt schon)? War der oder die Fotograf*in auf einem Gerüst? Stand die Person auf dem Übergang zwischen Zentralbibliothek und Teilbibliothek Geisteswissenschaften?
Wir stehen auf und erkunden nun die Gegend gemeinsam. Da sieht uns eine gute Freundin, die zu uns kommt und fragt, weshalb wir die Gebäude begutachten. Sie schließt sich begeistert dem Expeditionsteam an und jetzt versuchen wir zu viert, das Rätsel zu lösen. Zunehmend kristallisiert sich heraus, was ich befürchtete: Das Foto wurde auf dem Dach des Hörsaalzentrums aufgenommen. Mir wird nun ebenso klar, dass auch das erste Bild vom Dach aufgenommen worden sein muss. Das Problem an der Sache: Es gibt keine öffentlich zugänglichen Wege auf das Dach. Wir erörtern, ob es wohl irgendein Fenster gibt, durch das man auf das Dach gelangt; doch unglücklicherweise sind alle solche in Frage kommenden Fenster in weiser Voraussicht mit einem Schloss versehen und daher nicht zu öffnen.
Vermutlicher Aufnahmeort von Abb. 2
Nach einer halben Stunde ist unsere kleine Expedition beendet. Wir setzen uns wieder an den Tisch, werden dort viel länger bleiben als geplant, obwohl wir alle im Abgabenstress sind, und werden spontan zusammen Abend essen gehen, weil die Sonne an diesem Septemberabend sich nochmals von ihrer besten Seite zeigt. Irgendwann habe ich die beiden Fotos und den zunächst noch holprigen Weg vergessen und bin glücklich, dass dieser Tag gut endet.
O meine Freund*innen, es gibt euch!
3. Akt: Geh-Schichten
Hier eine Zusammenfassung meiner Route auf einer Karte:
Zentralbibliothek
Von hier aus begann meine Suche.
4. Stock
(Vermeintlicher) Aufnahmeort Abb. 1
Gruppenraum in der Teilbibliothek Geisteswissenschaften, 4. Stock. (Anm.: Video wurde einen Tag später als das Bild aufgenommen, Grund s.o.)
Alte Cafeteria
Hier habe ich meine Freund*innen getroffen.
Vermutlicher Aufnahmeort Abb. 2
Dach des Hörsaalzentrums
Das erste Foto (Abb. 1) vermochte ich trotz widriger Umstände zufriedenstellend nachzustellen (unangenehmer Weg, erreichtes Ziel). Beim zweiten Foto (Abb. 2) habe ich mein Ziel verfehlt, dafür war der Weg sehr angenehm (und hat mich schließlich von meinem Ziel abgebracht, welches aber ohnehin so gut wie unerreichbar scheint - schöner Weg, unerreichtes Ziel). In einer relativ kurzen Zeitspanne und über eine insgesamt nicht sehr lange Distanz habe ich zahlreiche Facetten des Gehens erfahren: Gehen als Mittel zum Erreichen eines Ziels; Gehen als Erleben des Zufalls auf dem Weg zum Ziel; Gehen als Ausweg aus einer Situation; Gehen als Regeneration; Gehen als Erwzingen einer Situation; Gehen als Erfahrung von Zeitlichkeit von Selbst und Umwelt (diese Trennung hebt sich beim Gehen ohnehin auf); Gehen als Transformation von Selbst und Umwelt/Raum; und schließlich Gehen als wirkungsvolle Vergemeinschaftungspraktik.
Im Schreiben dieser Geschichte spiegelt sich das Gehen wider:
Ich schreib nicht mit der Hand allein: Der Fuß will stets mit Schreiber sein. Fest, frei und tapfer läuft er mir Bald durch das Feld, bald durchs Papier
Nietzsche war ein begeisterter Anhänger des Gehens. Er bezeichnete das stille Sitzen bekanntermaßen als die "Sünde wider den heiligen Geist", denn nur "die ergangenen Gedanken haben Werth (sic)"[2]. Der Sinn des Gehens (nicht das Gehen selbst, das ist ja eine anthropologische Konstante) erfuhr kurz vor Nietzsche in der Naturtümelei der (von jenem gerne kritisierten) Romantik ein Comeback; vor den Auswüchsen einer entzauberten, entfremdeten, zunehmend urbanisierten und industrialisierten Welt konnte nur der Gang in die vermeintlich unberührte Natur Ausflucht bieten.
In Abgrenzung zur Romantik besteht das Kernelement des Gehens für mich allerdings nicht in der Suche nach einem Urzustand, in der Rückkehr zu "Wurzeln" (radikal kommt von lat."radix", Wurzel), sondern darin, das ewige Werden von Selbst und Umwelt synchronisiert in Echtzeit zu erleben. Analog zu dem von Nietzsche hochgeschätzten Heraklit könnte man sagen, dass man nie denselben Weg zweimal gehen kann, weil es nicht derselbe Weg und man nicht dieselbe Person ist (nietzscheanisch ausgedrückt: "Du bist immer ein anderer" [3] ). Alle Wege, die ich jemals gegangen bin, haben allerdings genau eine Sache gemeinsam: dass ich sie gegangen bin; nicht derselbe Weg, nicht dieselbe Person, aber dieselbe Aktivität, die diese Stränge des Werdens doch wieder miteinander verknüpft.
Meine Erinnerungen an den Campus, meine Wege, die ich hier ging, werden sich irgendwann im Treibsand der Zeit verlieren, und es werden neue Generationen von Studierenden mit ihren eigenen Wegen, ihren eigenen Erinnerungen nachfolgen, und eines fernen Tages werde ich, werden alle Menschen, die ich jemals gekannt habe, wird der Campus, wird die Welt einmal nicht mehr sein, aber zumindest einen kosmischen Wimpernschlag lang kreuzten sich alle unsere Wege.
Epilog
Dank eines heißen Tipps eines "Insiders" finde ich ein paar Tage später tatsächlich ein Fenster im A-Gebäude, das mich auf das Dach führt. Wenn ich mir jetzt einen Stuhl nähme und aus dem Fenster kletterte, würde ich auf einem Nebendach stehen und müsste nur noch zwei Leitern nehmen, um zum Aufnahmeort meines Lieblingsbildes (Abb. 2), dem Dach des Hörsaalzentrums, zu gelangen. Da es ein warmer Freitagabend in den Semesterferien ist, ist die Universität ohnehin wie verwaist; ich bräuchte also keine Angst zu haben, gesehen zu werden. Wenn ich auf dem Dach des Hörsaalzentrums stünde, müsste ich in meinem Handy eine Brennweite von ungefähr 35mm einstellen. Ich würde ungefähr zehn Fotos machen, jeweils mit leicht abweichenden Einstellungen und aus unterschiedlichen Positionen. Dann würde ich die Fotos an meinem Computer ansehen und dasjenige auswählen, das am ehesten dem von 1983 gleicht. Ich würde die beiden Fotos, wie beim erstem Foto (Abb. 1), hochladen und sie mit der Slider-Funktion nebeneinanderstellen.
Ich hätte dann mein Ziel erreicht.
Kurz überlege ich, ob ich tatsächlich das Fenster öffnen und den Weg zum Dach des Hörsaalzentrums nehmen soll. Als ich meine Hand schon am Fenstergriff habe, überkommt mich im letzten Moment, wie eine Offenbarung, die Erkenntnis, dass es doch so viel interessanter ist, wenn es mir ein ewiges Geheimnis bleibt, wie die Stelle heute aussieht. Ich gebe der Neugier des Hinsehens nicht, wie Orpheus, nach, sondern bewahre Eurydike (die in diesem Fall vor mir statt hinter mir liegt) vor der ewigen Unterwelt. Ich lasse das Fenster geschlossen. Als ich das Gebäude verlasse, sehe ich etwas entfernt von mir die zwei Freunde aus dem zweiten Akt auf einer Bank am Unisee sitzen.
Mit einem Lächeln im Gesicht gehe ich zu ihnen hin.
[1] Roland Barthes: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt a.M. 1989, S. 75.
[2] Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung, in: Giorgio Colli/Mazzino Montinari (Hg.): Friedrich Nietzsche. Kritische Studienausgabe, München 1999, S. 55-162, hier: S. 64.
[3] Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft, S. 193.